Einen weiteren Winter auf der Straße hätte sie nicht überlebt ...
"Besser als hier kann man es nicht haben"
Plettenberg/Olpe/Siegen. Das sagt Christina, die seit November 2025 gemeinsam mit ihrem Cousin Daniel und Hund Nemo in Plettenberg wohnt, nach vielen Jahren ohne eigene Bleibe und teils auch unter freiem Himmel. Sie sagt auch, dass sie den Vermietenden Sarah und Torsten Gaul sowie den Mitwirkenden im Landesprogramm <Endlich ein Zuhause!> sehr dankbar für die schnelle Hilfe ist, die sie in überraschend kurzer Zeit vor der weiteren Obdachlosigkeit bewahrt hat. Noch ein Winter unter einer Brücke in Grevenbrück, wo sie sich eine Lungenentzündung zugezogen hatte, hätte sie vielleicht nicht überlebt. Sie möchte mit ihrer Geschichte anderen Personen, die auch keinen Zugang zum regulären Wohnungsmarkt haben, Mut machen, nicht aufzugeben und Hilfe anzunehmen.
Mit am schwierigsten sei es gewesen, einzusehen, dass man Hilfe brauche und nicht zu resignieren, sagt die sympathische Frau in Jeans und Hoodie, nachdem sie in der Küche den 14-jährigen Nemo mit Futter und einem Nachtischleckerli versorgt hat. Dass sie jetzt gemeinsam mit ihrem Cousin hier wohnt, ist das Ende einer Odyssee auf der Suche nach einer sicheren Bleibe. Davor war Chaos. Während die beiden sich gegenseitig stützen und zusammenhalten, von einer verdeckten Wohnungslosigkeit in die nächste geraten, zu viele frühe Todesfälle im Freundeskreis und der Ehe verkraften müssen – und sie bald Nemo vor dem Tierheim bewahren werden – startet Mitte 2022 das Landesprojekt „Endlich ein Zuhause!“ Es wird in den Kreisgebieten Olpe und Siegen-Wittgenstein von örtlichen Trägerinnen der Wohnungslosenhilfe angeboten. Alternative Lebensräume GmbH aus Siegen ist in beiden Kreisen aktiv. Eigens im Rahmen des Projektes konnte Immobilienmakler Ionut Chirvasuta hinzugewonnen werden, der zusammen mit den Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern als „Kümmerer“ agiert. Sie bringen Vermietende und Mietende zusammen, kommen in den Dialog und kümmern sich beispielsweise um behördliche Angelegenheiten. Im Kreis Olpe wirkt eine Mitarbeitende zum Teil im Projekt mit, kann unkompliziert und zügig bei Anträgen helfen, wenn erforderlich.
Hürden überwinden und Verbindungen schaffen und „ein gutes Gefühl“
„Im Laufe der Projektzeit konnten in Siegen 108 Mietverträge abgeschlossen werden. Es wurden 493 Personen, darunter 90 Familien, durch das Team erreicht. Im Raum Olpe waren es 587 Personen, darunter 113 Familien. Im Olper Raum wurden bis Anfang des Jahres fast 100 Mietverträge geschlossen. Das Projekt hilft auch im Vorfeld Menschen beim Wohnraumerhalt, so dass Kündigungen und Zwangsräumungen vermieden werden können“, erläutert Sozialarbeiterin und Projektleiterin Lisa Assing der Alternative Lebensräume GmbH und: „Ein Ziel ist auch, die Menschen über die Landesinitiative zu informieren und damit Wege aus Wohnkrisen aufzuzeigen.“
Im Kreis Olpe erfuhren Christina und Daniel über eine Beratungsstelle von „Endlich ein Zuhause!“ in Grevenbrück, wo Alternative Lebensräume GmbH präsent ist. Ein erster Kontakt wurde zur Sozialarbeiterin Marie-Christin Schlupp-Schulte hergestellt. Auf der anderen Seite bestand bereits ein Kontakt des Immobilienmaklers Ionut Chirvasuta zur Vermieterfamilie, die privat vermietet. Seit Anfang 2025 stellen sie Menschen aus dem Projekt ihre Objekte zur Verfügung, mittlerweile bietet Familie Gaul 18 Menschen ein bezahlbares Zuhause. Darunter ist auch eine Großfamilie. Im Fall von Christina und Daniel war überhaupt kein Zögern, bestätigt Marie-Christin Schlupp-Schulte: „Hier müssen wir sofort etwas machen“, hätten die Vermietenden gesagt, um den beiden mit dem Vierbeiner noch vor dem Winter einen unbefristeten Mietvertrag unterbreitet. Danach befragt, warum sie den Personenkreis der Menschen mit erschwertem Zugang zum Wohnungsmarkt nicht scheuen, sagt Sarah Gaul: „Wir möchten ihnen ein Zuhause bieten. Sie sind so dankbar – und es ist ein gutes Gefühl.“ Auch das Zusammenleben in den Objekten funktioniere gut. Das bestätigen Christina und Daniel. Es wäre eine prima Hausgemeinschaft. Ebenfalls ein Plus sei, dass was an Infrastruktur benötigt würde, fußläufig erreichbar wäre.
„Besser als hier, kann man es nicht haben!“
Vom Erstkontakt der beiden Wohnungssuchenden bis zur Wohnungsbesichtigung verging nur rund ein Monat. Nach dem Ortstermin und Kennenlernen, hatten beide Parteien Zeit zu überlegen, ob es passt. Während die Obdachsuchenden aufgrund zahlreicher negativer Erfahrungen kaum zu glauben wagten, dass die Wohnung bald ihre sein könnte, hatte sich Familie Gaul bereits entschieden schnell zu handeln und der Mietvertrag wurde beiderseits unterzeichnet. Christina: „Anfangs brauchte ich ein Weilchen, doch jetzt habe ich mich eingelebt. Besser als hier kann man es nicht haben!“ Daniel nickt bestätigend. Er erwähnt auch, dass es ohne geladenes Handy und einen Internetzugang unmöglich sei, von freien Wohnungen zu erfahren. Ohne diesen Zugang ist es auch kaum möglich, sich um eine Wohnung zu bewerben. Jetzt, aus den Fenstern ihrer Dachwohnung, blicken sie zurück und fassen das Erlebte zusammen: „Wir wussten nicht mehr wohin“, sagt Christina. Beide sind froh und dankbar über die zwei Zimmer, Küche und das Bad – was summiert ihr Glück bedeutet und für einen Neuanfang stehen kann. Gemeinsam haben sie sich aus ihrer miserablen Lebenssituation gerettet – und den „liebsten Hund“ dazu.
Über was sich die beiden am meisten gefreut haben am Anfang? Hier kommen die Antworten zeitgleich und alle auf einmal: „Ein Bett, Kochen können, Duschen, alles sauber und endlich nicht mehr frieren.“ Dinge, die für die meisten selbstverständlich sind. Nach Jahren der Odyssee sind sie dabei anzukommen, können sich um ihre Gesundheit kümmern und familiäre Beziehungen wieder aufnehmen. Jetzt geht es wieder ums Leben, nicht nur ums Überleben – das macht Mut.
Infokasten:
„Endlich ein Zuhause!“ – mit finanzieller Unterstützung des Landes NRW und der EU – richtet sich an alle von Wohnungslosigkeit betroffenen oder bedrohten Menschen und bietet vielfältige Unterstützung und Begleitung an, um: Wohnraum zu sichern, indem mögliche Probleme direkt behoben werden können oder bei Wohnungslosigkeit neuen Wohnraum zu finden und die Lebensqualität Betroffener zu verbessern. Es richtet sich auch an Wohnungsgebende, sie zu informieren und für das Projekt zu gewinnen. Lisa Assing: „Wir haben viel mehr Menschen mit dem Bedarf an Wohnraum, bei denen alle Formalien bereits geklärt sind, als Vermietende. Zum Beispiel suchen wir im Raum Olpe Wohnungen zwischen 90 und 120 Quadratmetern. In Siegen suchen wir bezahlbaren und gerne auch barrierefreien Wohnraum in allen Größen.“ Kontaktdaten Alternative Lebensräume GmbH: 0271.3174735, endlich-ein-zuhause@alf-siegen.de.
Auf dem Foto oben: Lisa Assing, Daniel und Christina
