Housing-First: Wohnungslosen ein Zuhause

> alf-Mitarbeiterinnen nehmen es mit provokanten Vorurteilen auf, um für Frauen sicheren Wohnraum zu finden.<

Die gemeinnützige Gesellschaft „Alternative Lebensräume“ geht neue Wege in der Wohnungslosenhilfe. Sie möchte den Housing-First Ansatz umsetzen und dabei speziell auf die Bedürfnisse obdachloser Frauen eingehen. Dafür soll Wohnraum gekauft werden. Finanziell möglich macht das ein Projekt des Paritätischen NRW und eine Kunstspende von Gerhard Richter. Nun fehlt nur noch die passende Immobilie. Die Gesellschaft freut sich über Angebote.

Carla* (Name geändert) ist 45 Jahre alt. Damals floh sie vor ihrem gewalttätigen Freund und flüchtete  in ein anonymes Leben auf der Straße. Dann kam Carla zu „Alternative Lebensräume für Frauen“ – kurz: alf. Durch eine schwere Lungenentzündung in einem kalten Winter sagte der behandelnde Arzt „du musst hier weg, sonst stirbst du…“. „alf“ beschreibt Carla als einen Ort, an dem sie sicher ist und so aufgenommen wird wie sie ist. Bereits Carlas Kindheit ist geprägt durch Gewalterfahrungen und Ablehnung – Erfahrungen und Gefühle die viele betroffene Frauen erleben und beschreiben. „Bei alf habe ich immer eine Ansprechpartnerin, wo ich Last abwerfen kann. Sie hilft mir auch, eine sichere Wohnung zu finden.“

Wohnungslosigkeit ist ein steigendes Problem. Nach Schätzungen der BAGW waren 2018 bereits über eine Million Menschen betroffen. Rund ein Viertel von ihnen sind Frauen. Eine vage Schätzung – die Dunkelziffer mag viel höher sein. Wohnungslosigkeit bei Frauen gestaltet sich oft anders als bei Männern - sie ist unauffälliger, versteckter. Man spricht von verdeckter Wohnungslosigkeit. Obdachlose Frauen halten sich weniger in der Öffentlichkeit auf, bemühen sich nicht verwahrlost zu wirken. Sie suchen Unterschlupf bei Verwandten und Bekannten oder halten sich in Paarbeziehungen auf, die sie ohne die Notlage vielleicht nicht führen würden. Der Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben wird immer schwieriger. Auch sind die Hintergründe oft andere als bei Männern: Häufiger haben Frauen traumatische Gewalterfahrungen gemacht. Die Unterbringung in gemischten Notunterkünften ist für sie keine Option. Es braucht ein besonderes Umfeld, damit sich auch Frauen mit traumatischen Erfahrungen wieder sicher fühlen. Der Ansatz von „Alternative Lebensräume“ daher: Wohnungslosen Frauen ein Umfeld geben in dem sie sich sicher fühlen, zur Ruhe kommen können, ihr Leben wieder ordnen können. Um das zu gewährleisten möchte die gemeinnützige Gesellschaft erstmals im Kreisgebiet Siegen-Wittgenstein und Olpe,  den Housing-First Ansatz umsetzen – mit Blick auf die besonderen Bedürfnisse obdachloser Frauen.

Geschäftsführerin der Alternative Lebensräume GmbH, Sonja Becker: „Unser Hilfeangebot für Frauen, die von Wohnungslosigkeit betroffen oder bedroht sind, umfasst bisher leider nur einen befristeten Aufenthalt. Mit Housing-First könnten wir unser Angebot dahingehend erweitern, dass wir als erstes die Wohnungslosigkeit der Frau beheben, damit sie sich erholen und stabilisieren kann, ohne Zeitdruck, und sie von Beginn an weiß: Hier darf und kann ich bleiben.  Sie werden nachhaltig von dem Problem der Wohnungslosigkeit befreit und wieder in die Lage versetzt aus einem sicheren Zuhause ihr Leben zu gestalten.“

Die bei alf für das Projekt arbeitende Sozialarbeiterin Lisa Assing ergänzt: „Die Frauen kämen damit dauerhaft aus der Spirale heraus, von Abhängigkeit-Obdachlosigkeit-Einrichtung-Abhängigkeit …“

Die Gesellschaft appelliert an Immobilienbesitzer der Region: „Wir suchen eine Immobilie zum Kauf und freuen uns über Angebote und Hinweise.“ Das Haus sollte eine Wohnfläche zwischen 80 m² und 130 m² haben und im Kreis Siegen-Wittgenstein oder Kreis Olpe möglichst zentral gelegen sein, sodass die alltäglichen Dinge zu Fuß oder mit dem Bus erledigt werden können.

Bei Housing-First handelt es sich um einen vielversprechenden Ansatz in der Wohnungslosenhilfe, der bislang aber kaum in Deutschland umgesetzt wird. Das möchte der Paritätische Wohlfahrtsverband NRW ändern: Zusammen mit dem Düsseldorfer Wohnungslosenhilfsverein „fiftyfifty“ setzt dieser das Projekt „Housing-First-Fonds“ um. „Das Interesse Housing-First zu praktizieren ist in der Wohnungslosenhilfe groß, doch meist fehlt sozialen Vereinen das Geld um selbst Wohnungen anzukaufen“, erklärt Projektkoordinatorin Sylvia Rietenberg. Hier kommt der Fonds ins Spiel: Aus diesem erhalten die Träger das Grundkapital, das zur Finanzierung einer Immobilie notwendig ist. Darüber hinaus bietet der „Housing-First-Fonds“ fachliche Unterstützung: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kooperationspartner erhalten Weiterbildungen für die praktische Umsetzung von Housing-First. Ein Konzept, das auch das Land NRW überzeugte: Die Durchführung wird durch das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW gefördert. Der Fonds selbst finanziert sich über andere Art und Weise: Über den Verkauf von Kunst. Der berühmte Maler Gerhard Richter spendete 18 Drucke seiner abstrakten „Cage“-Reihe. Diese verkauft „fiftyfifty“ über die eigene Benefizgalerie in Düsseldorf. Die Erlöse fließen in den Fonds. Das soll nun auch von Wohnungslosigkeit betroffenen Frauen in Siegen zugutekommen.

Housing-First rückt Wohnraum an die erste Stelle. Von Obdachlosigkeit Betroffene erhalten eine Wohnung – ohne Bedingungen. Was nur logisch klingt, ist ein regelrechter Paradigmenwechsel in der Wohnungslosenhilfe. Klassischerweise werden Betroffene nämlich zunächst in Übergangsunterkünften und Wohnheimen untergebracht. Der Aufenthalt in diesen Wohnformen ist oft zeitlich begrenzt und an Auflagen gekoppelt. Statt Mietverträge gibt es Nutzungsverträge. Oft landen Betroffene wieder auf der Straße, denn auf dem Wohnungsmarkt, gerade in großen Städten, haben sie kaum eine Chance. Housing-First kehrt das Vorgehen um: Als erstes bekommen Betroffene eine Wohnung mit einem normalen, unbefristeten Mietvertrag. Sie können zur Ruhe kommen und ihre Angelegenheiten regeln: Sozialarbeiterische Hilfen stehen ihnen wohnbegleitend zur Seite. Studien aus den USA und mehreren europäischen Ländern belegen: Housing-First beendet Wohnungslosigkeit langfristig und ist günstiger als die wiederholte Unterbringung im Betreuten Wohnen.

Angebote und Hinweise zu Immobilienverkäufe gerne an: sonja.becker@alf-siegen.de / 0171.9310074

Fragen beantworten gerne:

Sonja Becker, Geschäftsführerin Alternative Lebensräume GmbH: 0271 - 3 84 62 60 / sonja.becker@alf-siegen.de

Lisa Assing, Sozialarbeiterin Alternative Lebensräume: 0177-1626704 / lisa.assing@alf-siegen.de

 

INFO

Housing-First-Fonds

Der Housing-First-Fonds ist eine Kooperation des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes NRW und seiner Mitgliedsorganisation fiftyfifty / Asphalt e.V. Das Projekt versetzt Organisationen der Wohnungslosenhilfe aus NRW in die Lage, den Housing-First Ansatz selbst umzusetzen. Mit den Mitteln des Fonds werden Finanzierungsgrundlagen zum Ankauf von Wohnungen geschaffen, sowie Umbaumaßnahmen und Kaufnebenkosten mitfinanziert. Darüber hinaus steht das Projekt seinen Partnern beratend und unterstützend zur Seite. Die Projektdurchführung wird durch das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW bis Ende November 2020 gefördert. Der Fonds selbst finanziert sich aus anderen Mitteln: Über den Verkauf von Kunst. www.housingfirstfonds.de

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